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Empfindlichkeit im Hören und Sehen

Ausschnitt aus:

Temple Grandin©: "My Experiences with Visual Thinking, Sensory Problems and Communication Difficulties"

Original im Internet bei: http://www.autism.org/temple/visual.html
übersetzt vom RV Nördl. Baden-Württemberg "Wir Eltern"

Mein Gehör ist so, als wenn ein Tonverstärker auf maximale Lautstärke eingestellt ist. Meine Ohren sind wie Mikrofone, die jedes Geräusch aufnehmen und verstärken. Ich habe deshalb zwei Möglichkeiten: Ich öffne meine Ohren und werde überschwemmt von Geräuschen oder ich schalte mein Gehör ab. Meine Mutter erzählte mir, dass ich mich manchmal benahm, als sei ich taub. Durchgeführte Hörtests ergaben, dass mein Gehör normal sei. Ich kann aber ankommende Geräusche nicht anpassen. Ich entdeckte, dass ich schmerzvolle Geräusche einfach ausschließen konnte, indem ich rhythmische, stereotypische autistische Verhaltensweisen praktizierte. Manchmal blende ich mich heute noch aus. Wenn ich zum Beispiel ein Lieblingslied im Autoradio höre, dann stelle ich später fest, dass ich mich ausgeblendet und die Hälfte des Liedes nicht mitbekommen habe. Im College musste ich ständig aufpassen, dass ich das Ausblenden verhindern konnte.

Ich bin nicht fähig, ein Telefongespräch in einer Behörde oder im Flughafen zu führen, wenn es dort zu laut ist. Andere Leute können dies, ich kann es nicht. Wenn ich versuche, die Hintergrundsgeräusche auszublenden, dann blende ich auch die Stimme im Telefon aus. Autistische Menschen mit schweren auditiven Wahrnehmungsstörungen sind nicht einmal in der Lage, einer Unterhaltung in einer relativ ruhigen Hotel-Lobby zu folgen.

Autistische Menschen müssen vor dem Lärm geschützt werden, der ihren Ohren schmerzt. Plötzliche laute Geräusche verletzten mein Ohr, vergleichbar mit dem Bohrer eines Zahnarztes, der einen Nerv trifft. Ein talentvoller, autistischer Mann aus Portugal schrieb: "Ich könnte aus meiner Haut springen, wenn Tiere Lärm machen" (White and White 1987). Ein autistisches Kind wird seine oder ihre Ohren zuhalten, weil gewisse Geräusche schmerzen. Es ist dies wie ein großer Schock. Ein plötzlicher Laut (auch ein relativ leiser) bringt oftmals mein Herz zum rasen.

Mir missfallen heute noch Plätze, wo es viele unterschiedliche Lärmquellen gibt, wie zum Beispiel Kaufhäuser oder Sportplätze. Hochgradiger anhaltender Lärm, wie zum Beispiel ein Badezimmer-Entlüfter oder ein Haarfön, sind ärgerlich. Ich kann mein Gehör in vielen Fällen ausblenden, aber bei manchen Frequenzen kann ich das nicht. Es ist für ein autistisches Kind unmöglich, sich in einem Klassenzimmer zu konzentrieren, wenn er oder sie mit Lärm bombardiert wird, der durch sein oder ihr Gehirn wie ein Düsenjet bläst. Hochkonzentrierte schrille Geräusche sind das schlimmste. Ein leises Poltern hat keine große Bedeutung, aber ein explodierender Feuerwerkskörper verletzt meine Ohren. Als ich noch ein Kind war, benutze meine Erzieherin eine Papiertüte, die sie platzen ließ, um mich zu bestrafen. Das plötzliche, laute Geräusch war eine Tortur.

Die Angst vor Lärm, der die Ohren schmerzt, ist in vielen Fällen der Grund für schlechtes Benehmen und manchen Aussetzer. Manche autistische Kinder werden versuchen, das Telefon zu zerstören, weil sie Angst davor haben, dass es läutet. Viele schlechte Verhaltensweisen werden auch nur durch die Vorahnung, man könnte von einem schmerzvollen Laut getroffen werden, ausgelöst. Das schlechte Benehmen kann Stunden vor dem Lärm auftreten. Geläufige Geräusche, die Unbehagen bei Autisten auslösen können, sind Schulglocken, Feueralarmsirenen, Spielautomaten, Rückkoppelung bei Mikrofonen und das Verrücken von Stühlen. Als ich ein Kind war, fürchtete ich mich vor dem Fährschiff, welches uns von den Sommerferien nach Hause brachte. Als das Bootshorn ertönte, warf ich mich auf den Boden und kreischte. Autistische Kinder und auch Erwachsene fürchten sich möglicherweise vor Hunden oder Babys, weil Hundegebell oder das Geschrei eines Babys den Ohren schmerzt. Hunde und Babys sind unberechenbar, sie können schmerzvolle Geräusche ohne Vorwarnung erzeugen.

Kinder und Erwachsene mit extremer Hörüberempfindlichkeit fürchten sich unter Umständen schon vor dem Wasser, wenn es fließt oder Wellen schlägt (Stehli 1991). Kinder mit weniger schweren Hörstörungen mögen von Klang und visuellen Anregungen mehr angezogen werden, wo hingegen stärker beeinträchtigte Kinder dazu neigen, diese zu meiden. Ich liebte den Klang von fließendem Wasser und genoss es, Wasser in Organentsaftdosen ein- und auszuschenken; wohingegen ein anderes Kind den Klang von fließendem Wasser vermied. Ich liebte die visuelle Stimulation beim Beobachten von automatischen Schiebetüren; wohingegen ein anderes Kind wegrennen und aufschreien würde, wenn er oder sie eine automatische Schiebetür sieht. Ein lauter Staubsauger ruft in dem einen autistischen Kind Furcht hervor und stellt bei einem anderen eine vergnügliche Fixierung dar. Wenn ich automatische Schiebetüren betrachtete, bekam ich das gleiche vergnügliche Gefühl als wenn ich schaukelte oder mich mit anderen autistischen Stereotypien beschäftigte. Manche Autisten können das Flackern des fluoreszierenden Lichtes sehen. Coleman und andere (1976) fanden heraus, dass fluoreszierendes Licht das stereotype Benehmen bei manchen autistischen Kindern steigerte.

Temple Grandin


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