Tony Attwood in MagdeburgAuszüge aus seinem Vortrag bei der Tagung am 1. Juni 2002Asperger-Syndrom:Attwood unterscheidet in zwei spezielle Arten von Menschen: NTs (Neurologisch Typische - also wir) und Aspies. Laut Attwood liegen die Unterschiede zwischen NTs und Aspies im Denken.
Sie sind "mind blind", erkennen also soziale Signale nicht und sind daher unsicher über Verhaltensregeln, weshalb sie dann irgendwann auffällig werden. (Typisch ist ihre Angst, etwas falsch zu machen oder etwas Falsches zu sagen, sie tun oder sagen dann lieber gar nichts) Wir NTs haben eine eingebaute "Menschen-Taxonomie", Menschen mit AS nicht, sie erkennen zunächst lediglich deutliche "schwarz-weiß-Kontraste" (Ursache: andere Gehirnfunktion) Aspies können soziale Verhaltensweisen lernen, aber sie müssen dazu angeleitet werden. Das ist anstrengend, dauert, es ermattet sie und ist für sie frustrierend. Schwer ist es für sie auch, Gedanken in Worte zu fassen, etwas zu erklären, auch wenn sie gut sprechen können. Das erschwert auch das Verständnis zwischen ihnen und uns.
Deshalb benötigen sie Tabellen, Listen, Kataloge, um sich zurechtzufinden, das entspricht ihrem logischen Denken. Gefühls-ErziehungAttwood sagt, die Kinder haben nicht "keine Emotionen" sondern sie haben zu viele davon und können sie nicht richtig einschätzen, nicht richtig managen und sie können auch unsere nicht richtig einschätzen. Sie wissen nicht, was es bedeutet, wenn wir sagen "Ich bin furchtbar traurig" wie schlimm das ist. Er plädiert auch hier wieder für das Einsetzten von Tabellen oder Skalen. Für ein Aspie-Kind ist es einfacher zu verstehen, wenn ich ihm (bei einer Skala von 1 - 10) sage: "Wenn du dieses Wort benutzt macht mich das wütend Stufe 10." Und auch die eigenen Gefühle können sie über diese Skala besser einschätzen und bewerten lernen. Beispiel: Ein Junge sagte immer "ich bringe mich um" und die Mutter war sehr besorgt. Nachdem Attwood das Kind einige Zeit beobachtet hatte, war er der Meinung, der Junge habe keine Selbstmordabsichten. Deshalb ließ er ihn auf der Traurigkeitsskala (1-10) den Satz "ich bringe mich um" einordnen. Der Junge ordnete ihn nach 2. Das bedeutete, er hatte keine andere Vokabel für "ich bin traurig" sondern verwendete immer "ich bringe mich um" Anhand der Skala konnte er lernen mitzuteilen, wie traurig er war. Ein weiteres Beispiel: Ein Junge hatte große Probleme mit der Anfertigung seiner Hausaufgaben. Attwood legte ihm ein Maßband auf den Boden und sagte ihm, er solle sich (Abstand jeweils 10 cm) auf den Platz stellen, der seinem Glück entspräche, wenn es keine Hausaufgaben gäbe. Der Junge lief weit über das Maßband hinaus bis in den nächsten Raum, um anzuzeigen, dass dann sein Glück wohl grenzenlos wäre. Umgang mit Wut, Ärger, Aggression:Für Attwood kann Wut bei einem AS-Kind ein Ausdruck von Depression sein. Die Anspannung, sich den ganzen Tag in der Schule anständig zu benehmen ("pretending to be normal") ist so groß, dass zuhause alles abfällt und Aggressionen auftreten können. (bei einigen nicht bei allen) Ein Kind habe dann z.B. immer seine kleine Schwester geschlagen. Auf die Frage "warum?" kam die Antwort, "ich bin traurig, und dann fühle ich mich besser". Es ging also darum, den Druck loszuwerden, es ging nicht um die Schwester. Deshalb sagt er, das Kind soll sich beruhigen, er empfiehlt Allein-Sein, Schaukeln, etwas drehen, etwas zerreißen, also den Druckabbau mit gesteuerten Mitteln vorzunehmen, Alternativen anzubieten.
Er sagt, belohnen und bestrafen funktioniert nur bei einem Kind, dass bewusst zwischen zwei Verhaltensvarianten wählen kann. (Lass ich es sein und bekomme die Schokolade oder mach ich es doch und bekomme die Schokolade nicht?) AS-Kinder können das nicht, im Erregungszustand haben sie keine Varianten, sie können nicht bewusst ihr Verhalten steuern. (Anderes Funktionieren der Stirnlappen) Das "soziale Gehirn" funktioniert nicht. Der Entscheidungsfindungsprozess kann nicht stattfinden. Aus verschiedenen Emotionen (Neid, Trauer, Angst, Überforderung) wird Ärger oder Wut. Das Kind kann die auslösenden Faktoren nicht unterscheiden. Man muss herausfinden, woher die Wut, oder Verzweiflung kommt. Attwood spricht von "Emotionaler Inkontinenz". Negative Erfahrungen werden nicht weitergeleitet zum ausführenden Organ (Ausspruch eines Aspies: "Weinen funktioniert bei mir nicht, deshalb werde ich wütend") Eine Kontrolle der Emotionen kann nicht erfolgen. Wenn das Signal durchkommt, ist es dann ein sehr starkes Gefühl. Wir NTs denken uns manchmal "dem würde ich jetzt gerne ..." aber wir tun es nicht, weil wir eine Bremse haben. Das Aspie-Kind kann seine Gefühle nicht managen, es hat diese Bremse nicht. Es kommt zu einer Art "Anfall". Die Wut gibt einen "Kick". Sie fühlt sich gut an. Manche wissen nach solch einem "Anfall" auch nicht mehr, was sie gemacht haben, was überhaupt los war. Aber wenn man ihnen bewusst macht, was geschehen ist, was sie getan haben, dann wissen sie genau, dass sie das nicht sollten, sie sind betrübt, bedauern es ehrlich und wollen es auch nicht wieder tun, versprechen das auch, aber ... Attwood sagt, hier hilft keine Strafe.
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